Fokus Bildung:
Schule machen im Jahr 2025

Ob intensivere Elternarbeit, projektorientiertes Lernen oder eine engere Anbindung der Schule an lokale Unternehmen: Der Wandel der Schule findet vor Ort statt, in den Klassenzimmern, in der Gestaltung des Unterrichts mit den Schülern und in den Köpfen der Lehrer. Konzeptionelle Anpassungen mögen einen neuen Handlungsrahmen setzen, sie helfen jedoch wenig, wenn es für die konkrete Umsetzung an Ideen fehlt oder neue Ansätze nicht vorstellbar sind.  

Der Fokus Bildung setzt hier an. Für die Experten war das Thema Bildung eines der dringendsten bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben im Ruhrgebiet. Unabhängig von ihrem Fachgebiet lieferten sie in den Interviews wertvolle, ganz praktische Hinweise und Anregungen für die Modernisierung und Verbesserung des Schulalltags in Ballungsräumen im Allgemeinen und für das Ruhrgebiet im Speziellen.  

Das Vorschlagsrepertoire war überraschenderweise so umfangreich und wertvoll, dass die Zukunftsstudie 17 Bildungsthesen herauslöst und ihnen ein eigenes Kapitel widmet. Manche Vorschläge mögen dem einen oder anderen Leser bekannt vorkommen. Sie sind dennoch innovativ und in Summe mit allen Vorschlägen sehr weit gedacht. Allen Ansätzen ist gemeinsam, dass der Wandel der Schulen hin zu mehr Chancengleichheit und einer besseren Vorbereitung auf die Lebenswirklichkeit ohne Revolution möglich ist. Es kommt auf das Engagement vor Ort an, auf den Willen und den Mut, Schule neu zu denken und zu leben. Ansätze in Brennpunktschulen im Ruhrgebiet beweisen, dass es funktioniert.  

Heute und in Zukunft ist es Aufgabe der Schule, Heranwachsende auf ein selbstbestimmtes Leben als mündige und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten vorzubereiten. Dieses Bildungsziel muss nach Meinung der Experten für alle Heranwachsenden erreichbar sein – völlig unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit, Religion oder sozialen Herkunft. Gerade in industriellen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet und dem Saarland sieht die Realität ganz anders aus. Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund tun sich schwer, vom Bildungssystem zu profitieren. Zu unterschiedlich sind die Wertvorstellungen von Pädagogen und Eltern, zu früh gleiten Kinder in die Perspektivlosigkeit ab. Zugleich werden die sozialen Unterschiede innerhalb der Bevölkerung in Ballungsräumen immer größer. Die Gefahr wächst, dass mehr und mehr Kinder von Bildung und Teilhabe ausgeschlossen werden, weil insbesondere die Bildungsverantwortlichen keine Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel finden. Für die Experten liegt es daher auf der Hand, dass sich Schule vor allem in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet völlig neu ausrichten muss. An vorderster Stelle steht die Einbeziehung von Kindern mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten. Nur auf die Potenziale der bürgerlichen Mittelschicht zu setzen, ist Verschwendung von Talenten und bedeutet eine Beschleunigung der sozialen Polarisierung. Auch die immer schnellere technologische Entwicklung muss viel stärker im Unterricht verankert werden – mit neuen Bildungsangeboten zur Vermittlung der benötigten Kompetenzen.  

Wie im Jahr 2025 Schule Chancengleichheit schafft und wie sie technologische Veränderungen nutzt, zeigt das folgende Szenario, in das die Erkenntnisse aus den Experteninterviews und den Befragung eingeflossen sind.  

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Großer Veränderungsdruck geht von der Digitalisierung aus. Die Menge an elektronisch gespeichertem Wissen wächst exorbitant, zudem sorgen Algorithmen für eine immer bessere Kontextualisierung von Informationen. Angeeignetes Wissen veraltet immer schneller, die Halbwertszeit insbesondere von Fachwissen sinkt rapide. Die Schule muss daher in den kommenden zehn Jahren radikal umschwenken: Die Vermittlung von Faktenwissen rückt zunehmend in den Hintergrund. Vorrangig dient der Unterricht dazu, die Fähigkeit zu vernetztem und lösungsorientiertem Denken zu vermitteln. Oberstes pädagogisches Ziel der Schule wird die Entwicklung und Entfaltung der Gesamtpersönlichkeit der Schüler sein. Damit verschmelzen der Bildungsauftrag und der Erziehungsauftrag der Schule zu einer Einheit. Insgesamt ist die Schule der Gegenwart nach Ansicht der Experten sehr weit von diesen Ansätzen entfernt.   Insbesondere in den Brennpunktschulen der Ballungsräume und Transformationsregionen wird sich dieser Wandel jedoch nicht reibungslos vollziehen: Wenn sich die an der Schule vermittelten Werte von den in der Familie und im sozialen Umfeld gepflegten Wertvorstellungen zu sehr unterscheiden, ist mit Widerständen der Eltern und auch der Schüler zu rechnen. Dabei ist es nach Meinung der Experten ein wichtiges bildungspolitisches Ziel, die Schule in den kommenden zehn Jahren konsequent auf die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Familien auszurichten. Ein möglicher Ausweg aus dieser konfliktträchtigen Lage ist der Ausbau der Elternarbeit – mit dem Bestreben, dass sich Schüler, Eltern und Lehrer auf gemeinsame Bildungsziele verständigen. Aber auch im bürgerlichen Milieu wird in Zukunft verstärkte Elternarbeit vonnöten sein. Das Störfeuer kommt hier von Helikopter-Eltern, die häufig illusorische Vorstellungen vom Potenzial ihrer Kinder haben.  

DIE LERN-APP IST KEIN PÄDAGOGE  

Lehrer haben auch in Zukunft einen sicheren Job. Nicht einmal bei der Vermittlung von Faktenwissen werden Lehrer durch E-Learning-Module ersetzt, da selbst das Erlernen von Fakten mit Interpretationen und Einschätzungen verbunden ist. Zwar setzen auch die Lern-Apps – Stichwort Gamification – Highscores oder Lerntrophäen als virtuelle Lernanreize. Diese können aber Lob und Tadel durch einen Lehrer nicht ersetzen. Trotz dieser Einschränkungen werden digitale Lernmittel zukünftig mit großer Selbstverständlichkeit im Unterricht eingesetzt. Dies entspricht zum einen den Lebensgewohnheiten der Schüler. Zum anderen werden die Schüler durch den Umgang mit digitalen Lerninhalten auf eine zukünftig ebenfalls digitalisierte Arbeits- und Lebenswelt vorbereitet. Insbesondere ältere oder wenig technologieaffine Lehrer werden im digital unterstützten Unterricht wieder zu Lernenden. Wenn sie diesen Rollenwechsel bereitwillig annehmen, begegnen sich Lehrer und Schüler im digitalisierten Unterricht auf Augenhöhe und können sich im Idealfall während des gesamten Unterrichts als eine Lerngruppe definieren. Dies wiederum hat positive Ausstrahleffekte bei der Vermittlung von Sozialkompetenzen an die Schüler. Gleichzeitig setzt diese Form des Unterrichts eine hohe Lernfähigkeit der Lehrer voraus.  

Dass bei der Digitalisierung des Unterrichts kognitive Fähigkeiten wie das Kopfrechnen verlorengehen, ist eher unwahrscheinlich – und auch das Auswendiglernen wird sich halten: Auch im Jahr 2025 werden junge Menschen Liedtexte Wort für Wort und Zeile für Zeile kennen, ganz einfach, weil es Spaß macht.

LEHRER AUS ÜBERZEUGUNG  

Der Lehrerberuf wird in Zukunft noch anspruchsvoller werden, als er es heute schon ist. Lehrer werden zunehmend zu Lebens- und Bildungsberatern und Integrationsbegleitern – und sind dabei gefordert, Fehlentwicklungen im Elternhaus zu korrigieren. Angesichts der hohen Verantwortung, die Lehrer tragen, gehören nur die fachlich wie menschlich Besten in den Schuldienst. Dennoch ist nur eine kleine Minderheit der Experten davon überzeugt, dass es sich der Staat leisten kann, hohe Zugangshürden für die Lehramtsstudiengänge zu errichten. Sowohl im Hinblick auf die Bezahlung als auch auf das Sozialprestige wird der Lehrerberuf gegenüber anderen Karrieren, etwa in der Wirtschaft, in Zukunft wenig attraktiv sein.  

DARAUS MACHEN WIR EIN PROJEKT!  

Bereits heute arbeiten sehr viele Menschen nicht mehr in starren Aufgabengebieten, sondern in interdisziplinär besetzten Projekten. Der Anteil der Projektarbeiter wird sich in Zukunft noch vergrößern. Auch in der Schule wird der themenbezogene, praxisorientierte und fächerübergreifende Projektunterricht einen höheren Stellenwert erhalten, weil sich der Sinn und Zweck von Unterrichtsinhalten am besten in Zusammenhängen verstehen lässt. Deshalb werden Schüler zukünftig beispielsweise in den Fächern Chemie, Biologie, Geografie, Physik und Wirtschaft daran arbeiten, Phänomene wie den Klimawandel zu ergründen. Trotzdem werden sich die Fächer nicht völlig auflösen. Nach Meinung der Experten ist die Unterteilung in Unterrichtsfächer notwendig, um die Wissensgrundlagen zu schaffen.  

Auch werden die Projekte nach Meinung der Experten zukünftig in Lehrpläne eingebunden sein. Für das Festhalten an Lehrplänen gibt es gute Gründe: Sie sorgen für einen strukturierten Aufbau der Lerninhalte, sichern die Qualität und sorgen für vergleichbare Schulabschlüsse. Allerdings werden die Lehrpläne in Zukunft deutlich flexibilisiert.  

DIE SCHULE ÖFFNET SICH  

Wie in der Welt der Erwachsenen zukünftig die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, werden auch bei den Kindern und Jugendlichen die Lebensbereiche Schule und Freizeit ineinander übergehen. Die Schule der Zukunft ist mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Ganztagsschule nach dem Campussystem: Es gibt eine Mensa, Hausaufgabenbetreuung, Förderkurse und Sportangebote – und darüber hinaus Partnerschaften mit Altenheimen und karitativen Einrichtungen, Musik- und Kulturvereinen, Theatern und womöglich auch mit Unternehmen aus der Nachbarschaft. Der örtliche Fahrradhändler veranstaltet Reparaturkurse auf dem Pausenhof, im metallverarbeitenden Betrieb werden aus den Entwürfen der Künstler-AGs Skulpturen gefertigt. Auch herrscht unter den Experten die Meinung vor, dass eine mehrmonatige Praktikumsphase zum festen Bestandteil des Lehrplans wird.  

Aber nicht nur für die Schüler wird die Schule zu einem offenen Raum, auch für die Lehrerschaft öffnen sich neue Horizonte. Allein durch ihre neue Aufgabe, die Schüler während der Exkursionen und Aktivitäten zu begleiten, um sie vor äußerer Einflussnahme zu schützen, kommen die Lehrer häufig mit außerschulischen Akteuren in Kontakt. Beim Austausch zwischen Lehrern und Wirtschaft allerdings sind viele Experten skeptisch. Sie erwarten, dass nicht wenige unter den Lehrern Vereinnahmungstendenzen durch die Wirtschaft befürchten und daher auf ein gewisses Maß an Distanz achten. Gleichwohl wird sich der Kontakt zwischen der Schule und der Wirtschaft intensivieren.

DIE SCHULE EMANZIPIERT SICH VON DER SCHULBÜROKRATIE  

Auch in Zukunft werden die Schulen nicht autark agieren können, sondern werden vor übergeordneten Kultusbehörden und Kostenträgern Rechenschaft über ihre Aktivitäten ablegen müssen. Gleichwohl werden diese übergeordneten Behörden den Schulleitungen bei der Gestaltung des Unterrichts und außerschulischer Aktivitäten wesentlich größere Freiräume zubilligen als heute. Damit ist sichergestellt, dass sich die Schulen besser den individuellen Herausforderungen ihres jeweiligen Umfeldes stellen können. Dass sich das Schulsystem in seinen Strukturen grundlegend wandelt und beispielsweise die Länder die Verantwortung für die Bildung an den Bund abtreten, halten die Experten für eher unwahrscheinlich. Sie sehen den Handlungsbedarf nicht in einer Strukturreform des Bildungswesens, sondern in den Schulen vor Ort.
 

LEBENSLANGES LERNEN LEHREN  

Die Schule der Zukunft kann während der Schuljahre nur ein Grundgerüst an Bildung schaffen. Weil aber Wissen immer schneller erodiert und die Schul- und Hochschulausbildung die Menschen nicht mehr durch das gesamte Berufsleben trägt, ist es Aufgabe der Schule, junge Menschen auf den ständigen Wandel vorzubereiten. Dazu zählt auch, dass sich die Schule selbst als ein lernfähiges System versteht und von veraltetem Wissen und überkommenen Methoden Abstand nimmt. In einer sehr weit gedachten Zukunftsprojektion kann die Schule sogar zu einer Institution der Erwachsenenbildung werden, die ihre Schüler lebenslang begleitet: Alumni kehren an ihre Schule zurück, bringen ihr berufliches Wissen in den Unterricht ein und verlassen die Schule mit neuem Wissen.  

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