Gestern Bergbau, heute Automobil, morgen ökonomische Vielfalt

Die Expertenaussage: Die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen im Saarland sollten darauf hinwirken, die industrielle Abhängigkeit von einer Branche zu reduzieren, und einen Branchenmix anstreben. Handel, Logistik und chemische Industrie bieten aufgrund der guten geografischen Lage und des Reservoirs an Fachkräften eine vielversprechende Ausgangsbasis.

Der Bergbau spielte im Saarland 250 Jahre lang eine tragende Rolle und hat dort eine längere Tradition als im Ruhrgebiet. Zu Spitzenzeiten waren im 20. Jahrhundert 60.000 Menschen im Bergbau und über 10.000 in der Stahlindustrie beschäftigt; mehr als die Hälfte der Industriearbeitsplätze entfielen damit auf die Schwerindustrie. 2012 wurde mit dem Bergwerk Saar die letzte Kohlegrube geschlossen.

Die Erzförderung ist ebenfalls Geschichte, die Bedeutung der Stahlindustrie ging stark zurück. Dennoch hat das Saarland den Strukturwandel besser verarbeitet als das Ruhrgebiet, so die Experten. Diese Einschätzung lässt sich durch harte Zahlen stützen. Die Arbeitslosigkeit ist zwar höher als im Bundesgebiet, aber deutlich niedriger als im Ruhrgebiet. Die wirtschaftliche Zukunft des Saarlandes als industrieerfahrene Region sehen die Experten in industriellen Kernen und industrienahen Dienstleistungen. Die saarländische Wirtschaftspolitik ist in ihrer Ansiedelungsstrategie im Wesentlichen eine Industriepolitik. Dieser Ansatz wird von den Experten mehrheitlich befürwortet.

Dass das Saarland den Ausstieg aus der Schwerindustrie gut bewältigen konnte, liegt insbesondere an der bedeutenden Rolle der Automobilindustrie. Viele gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Bergbau fanden nach der Schließung der Zechen Arbeit bei Ford in Saarlouis und bei einer Reihe von Automobilzulieferern. Die Automobilbranche im Saarland mit ihren mittlerweile 45.000 Arbeitsplätzen erreicht heute eine ähnliche Dominanz wie die Schwerindustrie in den 1960er-Jahren. Der neue Branchenschwerpunkt war im Strukturwandel sehr hilfreich, ist aber langfristig nicht ohne Risiko: Zum einen muss sich nach der Überzeugung der Experten die Automobilindustrie auf neue Mobilitätskonzepte einstellen, in deren Zentrum nicht mehr nur das Auto steht. Zum anderen steht die Automobilwirtschaft vor der Herausforderung, alternative Antriebe und Fahrassistenzsysteme bis hin zum autonomen Fahren zu entwickeln. Anders als die Entwicklung des Hybridantriebs wird z. B. die Entwicklung des Brennstoffzellenantriebs nach der vorherrschenden Meinung der Experten disruptive Züge aufweisen, da das Brennstoffzellenauto mit wenigen mechanischen Komponenten auskommt.

Gut für das Saarland: Der Impetus bei der Elektromobilität und der Entwicklung der Brennstoffzelle geht nicht allein von den Automobilherstellern, sondern häufig auch von Zulieferern aus. Für die Region ist die starke Präsenz der Zulieferer daher eine Zukunftschance. Zusätzliche Handlungsoptionen sehen die Experten in der Universität des Saarlandes. Diese ist Sitz des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, der beim autonomen Fahren eine Schlüsselrolle zukommt.

Trotz der guten Voraussetzungen des Saarlandes, den sich abzeichnenden Wandel der Automobilindustrie zu bewältigen, halten die Experten eine Diversifizierung der Wirtschaft für dringend geboten. Für sie bestimmt der industrielle Mittelstand über die Zukunft des Saarlandes. Dabei kann die Region Bestehendes fortentwickeln: Durch den Bergbau ist das Saarland ein erfahrener Industriestandort. Industrieunternehmen finden in den Behörden kompetente Ansprechpartner, die Berufsschulen sind auf die Ausbildung gewerblicher Fachkräfte eingerichtet, die Bevölkerung ist Schichtdienst gewohnt. Diese Faktoren machen das Saarland für Neuansiedlungen von Industrieunternehmen und von Anbietern unternehmensnaher Dienstleistungen attraktiv – und die Chancen werden genutzt. Verbesserungsbedürftig erscheint den Experten der Branchenmix. Unterrepräsentiert sind beispielsweise die chemische und pharmazeutische Industrie. Dabei gibt es im Saarland ein großes Reservoir an Fachkräften, die in diesen Branchen beschäftigt sind. Allerdings pendeln diese Fachkräfte heute noch nach Rheinland-Pfalz oder ins Rhein-Neckar-Gebiet.

Generell wird die saarländische Wirtschaft von Pendlerströmen stark beeinflusst. Täglich kommen 25.000 Einpendler aus Frankreich ins Saarland zur Arbeit, davon 20.000 Lothringer und 5.000 Saarländer, die in Frankreich leben. Bedeutend ist nicht nur die Nähe zu Frankreich, sondern auch die Nähe zu Luxemburg. Mehrere Tausend Saarländer fahren täglich nach Luxemburg zur Arbeit, mehr als nach Frankreich. Ein weiterer großer Pendlerstrom führt in die angrenzenden Bundesländer. Der Korridor der Tagespendler reicht anderthalb Autostunden weit bis ins Rhein-Main- und Rhein-Neckar-Gebiet. Ihr Geld verdienen die Saarländer teilweise außerhalb. Der Konsum jedoch findet in der Heimatregion statt. Durch diese Bündelung von Kaufkraft ist das Saarland ein interessanter Standort für den Handel, zumal auch Franzosen und Luxemburger die günstigen Preise für Lebensmittel und Bekleidung in Deutschland zu schätzen wissen, so die Experten. Eine Stärkung des Handels könnte demnach ebenfalls zur Diversifizierung der saarländischen Wirtschaftsstrukturen beitragen. Gleichwohl gehen von den Pendlerströmen auch Risiken für die zukünftige Entwicklung des Landes aus: Die Saarländer gelten zwar als heimatverbundene Menschen. Gleichwohl besteht nach Meinung der Experten die Gefahr, dass die Tages- und Wochenendpendler, die viel Zeit auf dem Weg zur Arbeit verlieren, zukünftig in die Nähe ihres Arbeitsplatzes ziehen. Damit droht dem Saarland unabhängig vom demografischen Wandel eine weitere Entleerung – mit Auswirkungen auf den Konsum, das kulturelle Leben und die Attraktivität als Wirtschaftsstandort.

Ein Mittel, um diese negative Entwicklung aufzuhalten, sehen die Experten im Ausbau der wirtschaftlichen Brückenfunktion zwischen Deutschland und Frankreich. Diese hat für die Experten zwei Dimensionen – eine logistische und eine strategische: Das Saarland ist mit Autobahnen und Zugverbindungen verkehrstechnisch bestens erschlossen und eine bedeutende Warendrehscheibe zwischen Deutschland und Frankreich. Auch die Binnenschifffahrt, die früher vorrangig der Schwerindustrie diente, ist nach wie vor von großer Bedeutung. Während früher Kohleschiffe die Saar befuhren, verkehren heute Containerschiffe zwischen Saarbrücken und Rotterdam. Unternehmen im Saarland und in Lothringen haben damit die Möglichkeit, ihre weltweiten Transporte kostengünstig und umweltfreundlich abzuwickeln. Im Ausbau der Logistik durch neue Güterverkehrszentren und in einer Verbesserung der trimodalen Anbindung sehen die Experten eine große Zukunftschance des Saarlandes. Auch jenseits der pragmatischen Ebene der Logistik hat das Saarland eine Brückenfunktion: In einer optimistischen Zukunftsprojektion der Experten ist das Saarland die Energiefläche, auf der sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich abspielen. Diese Internationalisierung könnte ebenfalls maßgeblich dazu beitragen, die saarländische Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen. Verbunden damit ist die bildungspolitische Frankreich-Strategie des Saarlandes mit der Zweisprachigkeit bis zum Jahr 2043.

Förderlich auf dem Weg zur neuen Vielfalt ist für die Experten, dass es den Saarländern zum überwiegenden Teil gelungen ist, sich auch geistig von Kohle und Stahl zu verabschieden. Nach Expertenmeinung ist dies auch ein Ergebnis der offenen Kommunikation. So konnte die saarländische Bevölkerung der Entscheidung über den schnellen Ausstieg aus dem Steinkohlenbergbau sogar positive Seiten abgewinnen – wurde damit doch eine womöglich jahrzehntelange Hängepartie vermieden. Die Bergbautradition ist nach der Schließung der Zechen im Saarland präsent, aber weitab von einer Glorifizierung einer "guten alten Zeit".


RAG-Stiftung
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