Städtebauliches Kolloquium Tag 3,
Junges Lebensgefühl: experimentell und zentral

"Der Zuzug von Studierenden verjüngt die Region"

Wie werden junge Menschen in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet wohnen? In Gemeinschaften, in teuren Luxus-Studentenappartements oder in günstigen Wohnanlagen - erstellt in Fertigbauweise?

Lagen bei den vergangenen beiden Veranstaltungstagen die Experten in ihren Aussagen eher beisammen, gingen die Vorstellungen diesmal auseinander. Thomas Knorr-Siedow, Senior-Partner von Urban plus, stellte zu Beginn das Co-Housing-Konzept vor. Die Idee: Menschen mit ihren individuellen Lebensmodellen wohnen zusammen unter einem Dach. Es gibt Gemeinschaftsräume, um das Miteinander zu stärken und sich gegenseitig zu unterstützen. Privatwohnungen innerhalb des Gebäudes sorgen indessen für Individualität und Rückzug. "Der Markt hat sich von der gesellschaftlichen Entwicklung abgekoppelt", so Knorr-Siedow. Die Wohnungsangebote des Marktes entsprechen nicht mehr den Anforderungen und Lebensentwürfen der Menschen in Städten. Co-Housing-Projekte jenseits des Marktspektrums hingegen halten Schritt mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und sind daher eine attraktive Option für Menschen in Metropolen.

 

Dominik Schultheiß, Michael Klöpsch, Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher, Barbara Thüer, Dr. Angelika Münter, Thomas Knorr-Siedow Bild herunterladen

Welchen Wohntrends die Studierenden im Ruhrgebiet gegenüberstehen, präsentierte im Anschluss Dr. Angelika Münter vom ILS in Dortmund. Aufgrund von wachsenden Studierendenzahlen – insbesondere an den Universitäten des Ruhrgebiets – steigt die Nachfrage nach Wohnungen erheblich an. Es sind vor allem Innenstadtlagen, die hoch im Kurs liegen. Die Ruhrgebietsstädte bieten hier noch bezahlbaren Wohnraum für viele. Anders die Situation in klassischen Studentenstädten wie Aachen. Dort nehmen die Mieten mittlerweile bis zu 50 Prozent des monatlich verfügbaren Einkommens in Anspruch. "Der Zuzug von Studierenden ist für das Ruhrgebiet eine große Chance, sich als junge Region zu etablieren", so Münter. Der Städtebau kann mit klugen Ideen dazu beitragen. Nach Münter liegt die Lösung jedoch nicht im Bau von Luxus-Studentenappartements. Diese gingen am Bedarf vorbei und müssten später für eine neue Nutzung aufwendig umgebaut werden.

Aufwertung des Bestandes, kostengünstiger Neubau und Aufstockung - Michael Klöpsch von Vonovia stellte die strategischen Antworten seines Unternehmens auf die Wohnungsknappheit in Ballungsräumen vor. Als Beispiel für eine Quartiersaufwertung präsentierte Klöpsch das Eltingviertel in Essen. Es befindet sich in zentraler Lage, entspricht in vielen Punkten den Wünschen von jungen Menschen und bleibt zugleich bezahlbar. Mit einem Pilotprojekt in Bochum zum seriellen Bauen zeigt Vonovia zudem, wie bestehende Flächen für zusätzlichen Wohnraum genutzt werden können. Das Prinzip: Fertige Module werden auf dem Grundstück zusammengesetzt. Dadurch sinken die Bauzeiten auf wenige Monate. Auch die Kosten sind erheblich geringer als bei herkömmlicher Bauweise. "Wir bauen diese Häuser in unseren Quartieren. Sie sind daher eingebunden in den Stadtkontext und entsprechend attraktiv", betonte Klöpsch. Zusammen mit der Aufstockung von Mehrfamilienhäusern sieht Klöpsch in den Aufwertungsansätzen von Vonovia gute Chancen für das Ruhrgebiet, auch in Zukunft attraktiven Wohnraum zu vernünftigen Preisen anbieten zu können.

Meterlange Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen? Laut Dominik Schultheiß sind solche Szenen, wie man sie aus Köln oder Münster kennt, im Ruhrgebiet eher selten. Zwar haben die Mieten auch im Revier in den vergangenen Jahren angezogen, dennoch bleibt Wohnraum hier für Studenten erschwinglich. Weil zugleich die Unis im Revier viel Ausbildungsqualität bieten und das Freizeitangebot üppig ist, ist die Gesamtsituation für die Studierenden erheblich komfortabler als anderswo. Insofern spricht einiges dafür, dass mehr junge Menschen ins Ruhrgebiet kommen. Ob sie dort auch längerfristig bleiben, hängt vor allem davon ab, inwieweit sie nach dem Studium oder der Ausbildung einen Arbeitsplatz finden.

Welche Ansätze taugen nun für das Ruhrgebiet? Sind es Marktlösungen, zu denen Unternehmen wie Vonovia beitragen? Oder Ansätze, die unter Co-Housing zusammengefasst sind - Wohnen in Selbstverwaltung, fern ab dem allgemeinen Wohnungsmarkt und in Gemeinschaft. Michael Klöpsch betonte noch einmal, dass Vonovia nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie nach den Bedürfnissen der Mieter bauen und gestalten. Thomas Knorr-Siedow sah das kritisch. Die Interessen der Menschen werden in der Quartiersentwicklung nur dann angemessen berücksichtigt, wenn diese in Eigeninitiative selbst die Gestaltung in die Hand nehmen.


Veranstalter:

Technische Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung
Fachgebiet Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung
Telefon: 0231-755 2241, stb.rp(at)uni-dortmund.de, www.raumplanung.tu-dortmund.de/stb
Netzwerk Innenstadt NRW, Münster www.innenstadt-nrw.de/aktuell/
ILS Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH, Dortmund, www.ils-forschung.de
RAG-Stiftung, Essen, www.rag-stiftung.de

Mit Unterstützung von:

Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Architektur, www.fh-dortmund.de
Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung e.V., www.srl.de
Informationskreis für Raumplanung e.V.
Deekeling Arndt Advisors in Communications GmbH, Düsseldorf

Zusammenfassung des dritten Tages des Städtebaulichen Kolloquiums an der TU Dortmund

Straßenumfrage: Wie würden Sie gerne wohnen?

Dr. Angelika Münter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des ILS, Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund, im Interview

Michael Klöpsch im Interview

Thomas Knorr-Siedow,  Urban plus, Berlin, im Interview


RAG-Stiftung
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